Mit Start-up Momentum wollten wir herausfinden, wer gründet, wächst und Neues aufbaut. Nach einem halben Jahr, 55 gescouteten Start-ups und fast 200 Veranstaltungs-Teilnahmen wissen wir: Da ist ziemlich viel los.
Als wir im September 2025 mit Start-up Momentum – kurz SUMO – gestartet sind, stand am Anfang eine einfache Beobachtung: In Wiesbaden gibt es viele Menschen mit guten Ideen, junge Unternehmen und eine über Jahre gewachsene Gründungsszene. Aber gerade Start-ups, die bereits erste Schritte gemacht haben und nun wachsen wollen, waren als Community noch erstaunlich wenig sichtbar und miteinander verbunden.
Wir wollten deshalb wissen: Wer ist eigentlich da? Was brauchen diese Unternehmen, um den nächsten Schritt zu machen? Und was passiert, wenn wir sie gezielt miteinander und mit erfahrenen Unternehmer:innen, Mentor:innen, Investor:innen und anderen Unterstützer:innen zusammenbringen?
Ein gutes halbes Jahr später wissen wir: Da geht einiges.
SUMO in Zahlen
In gerade einmal fünieinhalb Monaten ist aus dem Pilotprojekt ein ziemlich dichtes Netzwerk entstanden:
- 55 Start-up- und Scale-up-Organisationen bzw. Projekte wurden identifiziert und in unser Netzwerk aufgenommen. Dazu kamen 50 weitere gründungsnahe Kontakte.
- 139 unterschiedliche Menschen haben an unseren Veranstaltungen teilgenommen – insgesamt kamen so 190 Teilnahmen zusammen.
- Bei fünf Start-up Stories erreichten wir 82 Teilnahmen.
- Der neue Start-up Peer Circle kam auf 48 Teilnahmen und entwickelte eine wiederkehrende Kerngruppe.
- 30 potenzielle Mentor:innen und Expert:innen sowie mehrere Investor:innen wurden für das Netzwerk identifiziert und aktiviert.
- Beim abschließenden Start-up Day kamen 61 Menschen aus Start-ups, Wirtschaft, Investment, Politik und dem regionalen Netzwerk zusammen – und 12 Teams präsentierten ihre Unternehmen und Projekte.
Noch wichtiger als die Zahlen war für uns aber etwas anderes: Viele dieser Menschen und Start-ups kannten wir vorher schlicht noch nicht.
SUMO hat deshalb nicht nur neue Veranstaltungen geschaffen. Das Programm hat vor allem sichtbar gemacht, wie viel unternehmerisches Potenzial in Wiesbaden und der Region längst vorhanden ist.
Start-up Stories: Keine Hochglanzfolien, sondern echte Gründungsgeschichten
Ein Herzstück von SUMO waren unsere Start-up Stories.
Die Idee dahinter: Wir wollten keine glattpolierten Erfolgsvorträge darüber, wie angeblich alles nach Plan lief. Uns interessierten die Entscheidungen, Umwege, Rückschläge und Momente, in denen Gründer:innen selbst noch nicht wussten, ob ihr Plan wirklich aufgeht.
Los ging es mit Sebastian Schulz von Maldaner Coffee Roasters. Seine Geschichte zeigte, wie sich auch ein vermeintlich traditionelles Geschäftsmodell neu denken lässt – mit transparenteren Lieferketten, direkteren Beziehungen zu Produzent:innen und einer klaren unternehmerischen Haltung. Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier unseren Rückblick auf die Start-up Story mit Sebastian Schulz.
Mit Christian Goossens, Co-Founder und CEO von MIKUTA, ging es um eine ganz andere Welt. Aus ersten ziemlich hemdsärmeligen Versuchen entstand eine international erfolgreiche Fashion- und Lifestyle-Marke. Christian sprach aber eben nicht nur über Wachstum und Erfolg, sondern auch darüber, wie wenig glamourös die Jahre dazwischen sein können: improvisieren, finanzielle Risiken tragen, Lieferkettenprobleme lösen und unglaublich viel Zeit und Energie in ein Unternehmen stecken. Den ausführlichen Rückblick auf die Start-up Story mit Christian Goossens findet ihr hier.
Im Dezember verließen wir mit SUMO auch einmal unseren eigenen Hafen: Im Zukunftswerk Wiesbaden sprach Paul Becker von re:cap darüber, wie sich Unternehmensfinanzierung neu denken lässt. Mit re:cap hat er ein Unternehmen mit aufgebaut, das wachsenden Firmen alternative Finanzierungsmöglichkeiten bietet. An diesem Abend ging es deshalb nicht nur um seine eigene Gründungsgeschichte, sondern auch um eine Frage, die viele Unternehmer:innen irgendwann beschäftigt: Wie finanziere ich Wachstum – und welche Form der Finanzierung passt überhaupt zu meinem Unternehmen? Mehr zur Start-up Story mit Paul Becker von re:cap findet ihr hier.
Mit Paul Herwarth von Bittenfeld von der Seibert Group kam wiederum eine ganz andere Perspektive hinzu. Seine Geschichte zeigte, wie ein Unternehmen auch ohne große externe Finanzierungsrunden wachsen kann – durch Kund:innen, unternehmerische Ausdauer und die Bereitschaft, sich immer wieder weiterzuentwickeln.
Zum Abschluss standen Alicia Grein und Johan Grotkopp von formie auf unserer Bühne. Ausgangspunkt ihrer Gründung war etwas, das viele Eltern ziemlich gut kennen dürften: die Frustration über komplizierte Verwaltungsprozesse. Daraus entstand ein digitales Produkt, das Familien den Zugang zu staatlichen Leistungen wie dem Elterngeld einfacher machen soll.
Ein schönes Beispiel dafür, dass Innovation manchmal mit einer sehr alltäglichen Frage beginnt: Warum ist das eigentlich so kompliziert? Mehr über die beiden und formie findet ihr bei der Start-up Story mit Alicia Grein und Johan Grotkopp.
Fünf Abende, fünf sehr unterschiedliche Wege – von Kaffee und Fashion über Finanzierung und Software bis zur Digitalisierung von Verwaltung.
Und genau das war eine der Erkenntnisse aus SUMO: Start-up-Potenzial in Wiesbaden hat viele Gesichter.
Peer Circle: Weniger Pitchen, mehr Tacheles
Neben Sichtbarkeit ging es uns mindestens genauso sehr um Austausch.
Denn eine Rückmeldung begegnete uns immer wieder: Wer ein Unternehmen aufbaut, findet zwar viele Netzwerkveranstaltungen – aber nur wenige Orte, an denen man auch offen darüber sprechen kann, was gerade nicht funktioniert.
Genau dafür haben wir den Start-up Peer Circle gestartet.
Keine Bühne. Kein Verkaufsgespräch. Kein Visitenkartensammeln. Stattdessen ging es um konkrete Fragen aus dem Alltag: Wie organisiere ich meine Finanzierung? Wo können KI und Automatisierung tatsächlich helfen? Wie gehe ich mit Engpässen um? Wie plane ich das nächste Jahr? Und was mache ich, wenn das Team wächst, das Unternehmen sich verändert oder die nächste große Entscheidung ansteht?
Ganz reibungslos lief das am Anfang übrigens nicht.
Ursprünglich hatten wir eine feste Gruppe geplant, die sich über mehrere Monate regelmäßig trifft. Schnell zeigte sich aber: Für eine Community, die sich gerade erst findet, war diese Verbindlichkeit noch etwas zu früh. Deshalb öffneten wir das Format zunächst stärker.
Das funktionierte. Insgesamt kamen 48 Teilnahmen zusammen, rund 15 unterschiedliche Start-ups und gründungsnahe Teams waren dabei und etwa sechs bis acht Teams bildeten zunehmend einen wiederkehrenden Kern.
Unser Learning daraus: Ein wirklich offener und ehrlicher Austausch braucht Vertrauen – und Vertrauen entsteht nicht auf Knopfdruck. Die erste, offenere Phase war deshalb wichtig. Gleichzeitig wurde deutlich: Im nächsten Schritt darf der Kreis kleiner, verbindlicher und noch stärker auf Start-ups ausgerichtet sein.
Von Kontakten zu echten Verbindungen
Parallel zu den sichtbaren Veranstaltungen passierte viel Arbeit, die auf Fotos deutlich weniger spektakulär aussieht: recherchieren, zuhören, Kontakte sortieren, Bedarfe verstehen – und die richtigen Menschen miteinander verbinden.
Aus dem Scouting entstand ein internes Register mit weit über 200 Kontakten aus Start-ups, Mentoring, Investment, Hochschulen, Politik und Wirtschaft.
Dabei ging es uns nie darum, einfach die größte Kontaktliste Wiesbadens zu bauen.
Entscheidend war vielmehr zu verstehen: Wer steht gerade an welchem Punkt? Wer sucht Finanzierung? Wer braucht Unterstützung beim Vertrieb? Wer hat bereits ähnliche Herausforderungen gemeistert? Und welche zwei Menschen sollten sich eigentlich dringend einmal kennenlernen?
Aus diesen Kontakten entstanden bereits erste konkrete Verbindungen. Unter anderem konnten wir ein Start-up mit einem passenden Investor zusammenbringen, woraus erste Gespräche über eine mögliche Finanzierung entstanden. Insgesamt waren acht Investor:innen – darunter Business Angels und Venture-Capital-Kontakte – tatsächlich bei SUMO-Veranstaltungen dabei.
Genau darin lag für uns ein wesentlicher Wert des Programms: Nicht einfach noch ein weiteres Netzwerk aufzubauen, sondern Menschen zusammenzubringen, die sich gegenseitig tatsächlich weiterhelfen können.
Und manchmal ist ein Pilot auch dazu da, Dinge anders zu machen als geplant
Nicht alles, was wir uns für SUMO vorgenommen hatten, hat im ersten Anlauf genauso funktioniert wie gedacht.
Das beste Beispiel dafür ist unser Mentoring.
Zwar konnten wir 30 spannende Mentor:innen und Expert:innen identifizieren. Die ursprünglich geplante Begleitung von zehn Start-ups in festen 1:1-Mentorings haben wir innerhalb der Projektlaufzeit aber nicht umgesetzt.
Denn schnell wurde klar: Gutes Mentoring entsteht nicht dadurch, dass man einfach zwei Menschen mit ähnlichen Themen zusammensetzt.
Bei Start-ups verändern sich die Herausforderungen teilweise innerhalb weniger Monate. Heute geht es vielleicht um Vertrieb, morgen um Finanzierung, übermorgen um Teamaufbau oder eine wichtige strategische Entscheidung. Gleichzeitig müssen auch Mentor:innen wissen, welche Rolle sie übernehmen, wie viel Zeit erwartet wird und was das gemeinsame Ziel ist.
Statt kurzfristig möglichst viele Tandems zusammenzustellen, haben wir deshalb lieber verstanden, was ein gutes Mentoringprogramm tatsächlich braucht.
Auch das war SUMO: ausprobieren, beobachten, nachjustieren – und aus dem Pilot lernen.
Das große Finale: Der erste Start-up Day
Am 13. Februar 2026 kam dann noch einmal ziemlich viel von dem zusammen, was wir mit SUMO erreichen wollten.
Beim ersten Start-up Day im Heimathafen trafen Start-ups auf Investor:innen, erfahrene Unternehmer:innen, Talente, Politik und viele weitere Menschen aus der Region. 70 Menschen hatten sich angemeldet, 61 waren am Ende dabei.
Vor allem aber bekam die Start-up-Szene selbst eine Bühne: Zwölf Teams pitchten an diesem Tag ihre Ideen und Unternehmen.
Mit dabei waren Booki Brain, Sherlock Studio mit John Sherlock, pgday.app von Kai Kuckein, VU Studio, Koala Krunch, Pioneer Compass von Leon Melzer, tellspire von Anna Dill, YOURCENTAGE, Wisp Security, formie, Nexref und routime.
Von KI und IT-Sicherheit über digitale Verwaltung und Personalvermittlung bis zu Food, Familienalltag und neuen digitalen Dienstleistungen war damit ziemlich viel vertreten.
Und plötzlich wurde sehr konkret sichtbar, was wir in den Monaten zuvor beim Scouting bereits festgestellt hatten: In und um Wiesbaden gibt es eine vielfältige Start-up-Landschaft. Man muss ihr nur die Gelegenheit geben, sichtbar zu werden.
Gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass anschließend einfach 60 Menschen mit einem Getränk im Raum stehen und darauf hoffen müssen, zufällig mit der richtigen Person ins Gespräch zu kommen.
Deshalb machten wir über ein Farb- und Rollensystem sichtbar, wer als Start-up, Investor:in, Talent, Mentor:in oder aus der Politik dabei war. Ergänzt wurde das durch eine Wall of Participants mit Informationen über die Teilnehmenden – und auch wir als Heimathafen-Team spielten aktiv Matchmaker:innen und stellten Kontakte her.
Bei Pizza, Vino & Politics wurde es schließlich politisch. Gründer:innen kamen direkt mit Wiesbadener Entscheidungsträger:innen ins Gespräch.
Statt langer Grußworte ging es um ziemlich praktische Fragen: Welche Bedingungen brauchen junge Unternehmen in Wiesbaden? Wo fehlt Zugang zu Finanzierung? Wo bremst Bürokratie? Und welche Rolle können Start-ups für die wirtschaftliche Zukunft der Stadt spielen?
Der Start-up Day wurde damit zu einer Verdichtung all dessen, was in den Monaten zuvor entstanden war: mehr Sichtbarkeit, mehr Kontakte und mehr direkte Verbindungen innerhalb der Stadt und der Region.
Wer noch einmal tiefer in den Tag eintauchen möchte, findet hier unseren Rückblick auf den ersten Start-up Day.
Was wir aus SUMO mitnehmen
Nach diesen ersten Monaten ist unsere wichtigste Erkenntnis gleichzeitig die schönste:
Wiesbadens Start-up-Szene ist größer, als wir dachten. Viele spannende Unternehmen sind längst da – sie sind nur noch nicht immer sichtbar und miteinander verbunden.
Das haben wir auch an unseren eigenen Zahlen gemerkt. Ursprünglich wollten wir im Rahmen von SUMO zehn Start-ups identifizieren. Am Ende waren es 55 Start-up- und Scale-up-Projekte.
Viele davon waren nicht automatisch Teil bestehender Netzwerke. Manche arbeiteten schon seit Jahren an ihren Unternehmen, andere waren gerade dabei, die nächsten Wachstumsschritte zu machen.
Sobald wir gezielter gesucht und Angebote klarer auf diese Zielgruppe zugeschnitten haben, kamen die Menschen zusammen.
Aus einzelnen Kontakten entstand eine wiederkehrende Community. Gründer:innen tauschten Erfahrungen miteinander aus. Investor:innen und Mentor:innen lernten neue Unternehmen kennen. Politik und Start-ups kamen miteinander ins Gespräch.
Und auch für uns als Heimathafen wurde noch einmal deutlicher, welche Rolle wir dabei spielen können: ein Ort zu sein, an dem Menschen mit unternehmerischen Ideen nicht nur Räume finden, sondern vor allem die richtigen Menschen für den nächsten Schritt.
Nachtrag August 2026
Ein paar Monate später wissen wir: Die entstandene Dynamik darf weitergehen. SUMO geht nach einer kurzen Sommerpause in die zweite Runde.
Dabei nehmen wir einige der wichtigsten Erfahrungen direkt mit: Der Peer Circle wird verbindlicher und stärker auf eine feste Gruppe von Start-ups und Scale-ups zugeschnitten. Das Mentoring bekommt mehr Struktur, damit Gründer:innen und Mentor:innen wirklich zueinander passen. Und natürlich erzählen wir auch weiterhin die Geschichten von Menschen aus der Region, die zeigen, wie unterschiedlich der Weg von einer Idee zu einem wachsenden Unternehmen aussehen kann.
Das Momentum ist also noch da. Und wir machen weiter.

Das Programm „Start-up Momentum“ wird gefördert im Rahmen der Maßnahme „Projekte zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Gründungsmotivation“ durch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen.


